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Auf dem Hinweg

22.11.2006

Selten bin ich durch so dicken Nebel gefahren wie heute früh. Er stand hart an der Grenze zum Nieselregen; im Lichtkegel des Scheinwerfers liessen sich bereits einzelne Tröpfchen unterscheiden.

Das unbewehrte Auge durchdrang die Suppe keine fünfzig Meter weit; dafür konnte ich entgegenkommende Fahrzeuge auch um die Ecke sehen, da sie eine Wand aus hell angestrahltem Wasser weit vor sich herschoben. Und es war wirklich Wasser; zwar verspürte ich beim Fahren keine Tropfen im Gesicht, doch fand ich am Ziel Helm und Jacke übersät mit solchen.

(Am Schwein selbst waren sicher auch welche, aber da ich direkt nach einer einstündigen Fahrt durch dicken Nebel bei 4°C mehr bei den Toten als bei den Lebenden bin und der Hof um die Zeit auch stockdunkel ist, war ich froh, die Plane übers Schwein gezuppelt zu haben, und hielt mich mit Detailbetrachtungen nicht weiter auf.)

Welch ein Genuss ist danach die Einkehr in ein leidlich geheiztes Gebäude! Erstaunlich, wie positive Gefühle ich damit verbinden kann, in meinem Buerau auf einem Stuhl unter einem Dach zu sitzen!

Und vor allem: Keine Hackfressen mit Springerzeitung, keine perpektivlosen Jugendlichen mit MP3-Playern, keine aufgedonnerten Schlampen mit Speckröllchen, keine randalierenden ABC-Schützen mit überdimensionierten Tornistern, keine fremden feuchten Jacken vor der Nase - keine Bahn.

Nur das Schwein, meiner einer, der Nebel und ein paar Teilnehmer, die aus der Nebelwand ebenso schnell erschienen, wie sie darin wieder verschwanden. Dazu statt des Technogeschepperes das vergnügte Tröten des Nutztiers; und die Nähe zum Ziel wird mir nicht durch immer hibbeliger werdende Schulkinder angezeigt, sondern durch immer leerer werdende Strassen.

(Und nach dieser langen Fahrt war die Brötchentüte immer noch warm, als ich sie aus dem Rucksack barg.)

- Zwar kann es noch deutlich kälter werden als 4°C. Aber das beunruhigt mich nicht; ich werde dann einfach eine lange Unterhose und einen Integralhelm benutzen.

(Es gibt sicher angenehmeres, als bei Kälte und Regen mit einem Jethelm zu fahren. Aber mit Aussicht auf Erlösung - sprich: ankommen - ist das kalte Wasser im Gesicht zweifellos auch nicht das unangenehmste. Wofern man versucht, von der Differenz zu leben: Können normalste Innenraumverhältnisse nach so einer Fahrt Glücksgefühle auslösen, für die es sonst Paläste bräuchte.)

Wunderbar. Wenn Ihnen das Leben leer erscheint, zu gleichförmig, bar des Schönen oder sonstwie unbefriedigend - verschaffen Sie sich ein Knatterschwein und fahren Sie mit ihm umher.

Und dann
Würde was uns gross und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein.

(R.Mey)

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